Wie ein Roter Tropfen in Weißer Stille

Wie ein Roter Tropfen in Weißer Stille


Prolog: Die Hüterin der Häute


Es war einmal, als die Welt noch im Schlafe ruhte und der Winter kein Ende kannte, da lebte ein Volk in einem Tal aus Eis. Die Menschen dort hatten vergessen, wie man tanzt und wie man weint. Sie glaubten, dass Gefühle das Eis zum Schmelzen bringen würden und das Meer sie dann verschlänge. Also übten sie sich in Starre. Ihre Gesichter waren glatt wie gefrorene Seen.


Im Tal des ewigen Eises lebte eine junge Frau, die bekannt war als die Hüterin der Häute. Ihre Finger waren rau vom Nähen dicker Felle, um die Menschen vor dem Erfrieren zu bewahren. Sie schnürte die Leiber fest ein, damit keine Wärme entwich und keine Kälte eindrang. Ihr Leben war ein einziges Bewahren, ein ewiges Tragen von Schutzschichten.


Doch in einer hellen Nacht, der Mond schien so hell wie ein geschliffener Knochen, saß sie versunken am Kamin.
Mit einem Ohr lauschte sie dem heulenden Wind draußen im Eis, mit dem anderen dem lodernden Knacken im Kamin.
Sie nähte an einem besonders feinen Gewand aus Hermelin. Sie zog die Fäden mit einer Nadel, geschnitzt aus dem Knochen eines alten Wales. Sie war müde von der endlosen Weiße draußen und der endlosen Arbeit drinnen.


Da rutschte die glatte Knochennadel ab und stach tief in ihren Finger.
Ein einziger, schwerer Tropfen Blut quoll hervor und fiel auf das dichte, schneeweiße Fell, das vor dem Kamin ausgebreitet lag.
Das Rot brannte sich in das Weiß wie ein Feuer. Und in diesem Moment spürte die Frau den stechenden Wunsch, nicht mehr nur Hüllen zu nähen, sondern etwas in die Welt zu bringen, das keine Hülle brauchte – etwas, das von innen heraus glühte.


Sie schloss die Augen und wünschte sich ein Kind, das so lebendig war wie das Blut und so stark wie das Tier, dessen Fell den Tropfen fing.



Teil 2: Der Rote Funke


Als sie die Augen wieder öffnete, war der Tropfen im weißen Pelz verschwunden. Die Wunde war verheilt, doch das Wunderbare breitete sich als Wärme aus. Der Wunsch verhallte nicht in der kalten Nacht, er fand ein Echo, als tiefes Pochen unter ihrer Brust. Aus dem Pochen wurde ein Trommeln, aus dem Trommeln glomm ein Funke, und aus dem Funken wuchs ein Leben.


Der Wunsch wurde Fleisch. Das Kind wurde geboren und war anders als alle anderen. Seine Haut war nicht blass wie der Schnee, sondern glühte rot vor innerer Hitze. Die Mutter, treu ihrem Handwerk, nähte dem Mädchen einen Mantel aus feiner Wolle. Sie färbte ihn mit dem Saft der Eberesche – jenen bitteren roten Beeren, die als einzige die Kälte des Winters ertragen, ohne zu erfrieren – rot wie der Tropfen, der es rief.
Den Saum aber besetzte sie mit dem weißen Fell des Hermelins – jenem flinken Tier, das im Winter die Farbe des Schnees annimmt. Ein rotweißes Gewand allein gehalten von einer knöchernen Fibel.


Doch der Mantel konnte das Wesen des Kindes nicht verhüllen. Es lachte zu laut für die Stille des Tals. Es rannte zu schnell für die Vorsicht der Alten. Und wenn es wütend war, dampfte sein Atem in der kalten Luft wie der eines wilden Tieres.


Zwischen Mutter und Tochter wuchs ein stiller Kummer. Die Mutter, die Hüterin der Häute, wollte das Kind schützen. Sie brachte die dicksten Felle herbei – Bär, Wolf und Rentier –, um ihr Glühen zu verbergen.
Das Mädchen weigerte sich entgegen der mütterlichen Fürsorge. Wenn die Mutter ihr einen leblosen Pelz umlegte, zuckte das Kind zusammen, als erfriere es darin.
„Es ist zu schwer“, klagte das Mädchen. „Es ist kalt und dunkel darin.“
Während die Mutter in den Fellen nur die Wärme sah, spürte das Kind nur Leere darin. Sie, die auf einem Fell empfangen worden war, ehrte die Tiere auf eine andere Weise: Sie wollte nicht ihre Häute tragen, sie wollte ihre Wildheit leben. Sie wollte keine toten Hüllen, denn ihre eigene Haut war ihr Schutz genug.


Die Menschen im Dorf fürchteten das Kind. Sie sahen, wie der Schnee unter seinen kleinen Füßen schmolz, wo es barfuß lief. „Sie wird das Eis brechen“, flüsterten sie hinter vorgehaltener Hand. „Sie muss lernen, still zu sein, sonst verschlingt uns das Meer.“


Die Mutter legte Schicht um Schicht um das Kind, nicht mehr nur, um es zu wärmen, sondern um sein Wesen zu verhüllen. Aber je mehr sie das Kind einhüllte, desto heißer staute sich das Feuer im Inneren.


Eines Tages, als die Strenge des Dorfes und die Last der toten Felle unerträglich wurden, drohte das Mädchen darunter zu ersticken.
Sie riss sich los. Sie lief hinaus in die endlose weiße Wüste, fort von den Hütten, fort von den flüsternden Stimmen und den Nadeln aus Knochen.
Sie wollte schreien, toben und brennen. Sie lief, bis ihre Lungen schmerzten und ihre Beine versagten. Sie lief, bis sie vor Erschöpfung in den tiefen Schnee fiel.

Dort lag sie, ein kleiner roter Fleck in unendlicher Stille, und wartete auf den Tod, von dem sie dachte, er sei dunkel und kalt.



Teil 3: Der Berg, der atmete


Der kalte Tod aber kam nicht.
Als das Mädchen den Kopf hob, spürte sie, wie der Wind sich drehte. Vor ihr, mitten in der flachen Wüste, erhob sich eine weiße Düne, die zu einem gewaltigen Hügel wuchs.
Doch es war kein Berg aus starrem Eis.
Der Hügel atmete.


Schnee rieselte herab, als sich die Masse langsam bewegte. Zwei Augen, dunkel und tief wie der Ozean unter dem Eis, öffneten sich.
Da war die Ur-Mutter der Bären. Sie war riesig wie ein Berg, weiß wie das Nichts, und ihre Konturen verschwammen mit dem Horizont.


Die Bärin fraß das Kind nicht. Sie senkte ihr mächtiges Haupt, bis ihre schwarze Schnauze fast das Gesicht des Mädchens berührte.
Sie sprach mit einer Stimme, die wie das Knacken von Gletschern klang, tief und vibrierend:
„Du brennst, kleines Feuer. Aber im Schnee verlischt man schnell, wenn man keinen Herd hat.“


Der kleine Körper des Mädchens zitterte, nicht vor Kälte, sondern vor Ehrfurcht.
„Ich bin zu laut für die Welt“, flüsterte sie mit rauer Kehle. „Ich bin zu heiß. Ich schmelze das Eis.“


„Das Eis schmilzt nur, wenn man dagegen kämpft“, grollte die Bärin sanft. „Komm. Ich werde dich tragen, bis du gelernt hast, deine Hitze zu halten, ohne dich selbst zu verzehren. Sei du der Funke, ich bin dein Herd.“


Der mächtige Leib legte sich flach in den Schnee, eine Einladung, so alt wie die Erde. Und das Mädchen, müde vom Kampf gegen die eigene Natur, schmiegte sich tief in das dichte, weiße Fell.
Diesmal zuckte sie nicht zurück. Sie spürte keine Kälte und keine Leere. Denn unter diesem Fell schlug ein Herz, so ruhig und stark wie das Trommeln der Erde selbst. Dort war sie warm und sicher.


Anmutig erhob sie sich. Ihr Gang war ein sanftes Wiegen, nahtlos wie das Meer. Das Mädchen leuchtete darauf wie die Abendröte auf den Wogen.
Ein roter Tropfen auf einem weißen Ozean.


Schritt für Schritt trug die Bärin das rote Bündel tiefer in die weiße Stille hinein, weg von den Hütten und hin zu den Rändern der Welt, dorthin, wo der Himmel das Eis berührt.



Teil 4: Die Reise


Sie wanderten auf und ab durch Nächte, die sich dehnten wie Monate – geduldig und stetig, so wie die Mutter einst den Faden mit der Nadel zog.
Auf dem Rücken der Bärin lernte das Mädchen die Zyklen der Monde kommen und gehen und begann, die Zeichen der Sterne zu lesen.


Sie folgten dem Abendstern, immer tiefer in das Schweigen hinein. Und mit jedem Schritt übernahm das Mädchen den Rhythmus der Bärin.
Ein schweres Heben. Ein tiefes Einatmen.
Ein sanftes Senken. Ein langes Ausatmen.


Kein Kämpfen mehr — nur ein Einswerden.


Und so begriff sie dort oben, zwischen Fell und Sternen, was ihre Mutter nie hatte sagen können:
Dass man eine Last tragen kann, ohne darunter zu zerbrechen.
Wahres Tragen misst keine Bürde. Wahres Tragen vertraut auf Liebe und Geduld.



Teil 5: Der Gipfel


Je näher sie dem Gipfel kamen, desto dünner wurde die Luft und desto stiller die Nacht.
Die Landschaft veränderte sich. Die sanften Hügel wichen schroffen Spitzen.
Die Gletscher glänzten hier oben blank und weiß wie die Knochen uralter Wale – stumme Zeugen einer alten Welt, als die Berge noch im Meer versunken lagen.


Das Eis fror zu bizarren Formen, scharf und spitz wie Wälder aus Nadeln, die in den Himmel stachen.
Die Schritte der Bärin waren behutsam und sicher, doch das Herz des Mädchens pochte stark. Sie spürte, wie sich ihr Weg zuspitzte, gezogen zu einem einzigen Punkt.


Endlich erreichten sie das Dach der Welt, dort, wo der Himmel die Berge berührte. Die Luft war hier so klar und rein, dass jeder Atemzug wie Kristall schmeckte.
Die Bärin hielt inne und ließ sich nieder.
„Hier endet unser Weg“, grollte sie leise. „Von hier gehst du allein. Du hast den Funken getragen. Jetzt musst du das Feuer entfesseln.“


Das Mädchen glitt vom warmen Fell in den tiefen Schnee. Hier stand sie dem Himmel so nah, als könne sie ihn mit ihren Händen greifen.
Mit einer Hand streckte sie ihre zitternden Finger nach den Sternen, mit der anderen löste sie die Fibel ihres Mantels.
Der rote Wollstoff, gefärbt mit den Beeren der Eberesche und gesäumt mit Hermelin, fiel von ihren Schultern und sank lautlos zu ihren Füßen.


Zum ersten Mal stand sie ohne Hülle da. Ohne den Schutz der Mutter. Ohne die Wärme der Bärin.
Sie war nun ganz sie selbst: Ein nackter Funke in der Dunkelheit.


Und sie begann zu tanzen.



Teil 6: Die Quelle


Es war kein zierlicher Reigen. Es war kein sittsamer Schritt. Sie tanzte anmutig den wilden Tanz der freien Berge.
Sie stampfte mit nackten Füßen auf den gefrorenen Grund, als wolle sie das schlafende Herz der Erde wachrütteln. Sie wirbelte, sie schrie, sie ließ all die Hitze heraus. Sie tanzte als lodernde Flamme – für die Wut, für die Liebe, für das Leben.


Da riss der Himmel über dem Berggipfel auf.
Grüne, violette und blutrote Schleier tanzten in leuchtenden Farben über ihr – die Nordlichter. Es war, als würde der Kosmos sich selbst offenbaren und sein Innerstes nach außen kehren, um in ihren Tanz einzustimmen.


Sie tanzte, bis ihre Lungen brannten und ihre Beine zitterten. Ihr Schweiß und ihre Tränen fielen wie heißer Regen auf den Boden, dass Schnee und Eis unter ihr weichen mussten.


Erschöpft sank das Mädchen nieder, ihren Körper an die Erde gepresst, bereit zu sterben.
Die Erde aber war nicht länger kalt und hart. Sie war nun warm und weich.


Da geschah es, dass der Berg ihren Ruf erwiderte.
In einem tiefen, grollenden Beben brach der Grund auf. Weißer Dampf zischte empor, und heißes Wasser quoll hervor.
Um das Mädchen herum füllte sich eine Quelle, und der Dampf stieg auf wie ein Gebet. Das heiße Wasser umspülte ihren blanken Körper, und sie ließ sich hineinsinken.
Von einer heilenden Wärme empfangen, verschmolzen die Grenzen von innerer und äußerer Welt. Sie lösten sich auf.

Sie war eins.



Teil 7: Das Tor des Lichts


In diesem Moment der Stille hob das Mädchen den Blick.
Am Rand der dampfenden Quelle erhob sich die große Bärin auf ihre Hinterbeine.
Das mächtige Wesen stand nun aufrecht, ein weißes Tor gegen die leuchtenden Schleier der Polarlichter, die am Himmel tanzten. Die Bärin offenbarte nun ihr ganzes Wesen, als die leuchtende Krone des Berges, wie lebendig gewordenes Licht. Sie war das strahlende Tor zum Himmel.


Das Mädchen spürte den Kosmos in sich aufgerichtet: In ihr pulsierte die heiße Kraft der Quelle.


Die Bärin brummte einen tiefen, vibrierenden Ton. Der Klang verband die Kraft der Tiefe mit der Klarheit der Höhe. Aus dem Brummen formten sich langsam die Worte, geatmet vom Wind:


... In allem Ertragen liegt ein Entbehren im Sein ...


Während der Ton tiefer und weiter klang, begann sich die Gestalt der Bärin aufzulösen. Sie wurde zu Nebel, zu Licht. Sie ging in die Nordlichter ein.



Epilog: Das Vermächtnis


Das Mädchen kehrte verändert in das Dorf zurück. Geleitete von den Sternen fand sie nun allein den Weg. Sie war nun erwachsen. Gehüllt in ein weißes Gewand, trug sie keinen roten Mantel mehr, denn die Kraft glomm nun ruhig in ihrem Inneren.


Mit ihrer Rückkehr endete der ewige Schlaf des Tals. Das Eis schmolz nicht zur Flut, wie die Menschen gefürchtet hatten, sondern floss zu einem nährenden Meer. Der Winter wich nicht gänzlich, sondern stimmte ein in einen grünenden Frühling.


Sie sprach nicht viel von dem, was geschehen war. Doch sie führte die Frauen des Volkes – die Alten, die Müden, die Erstarrten – hinauf zu jenen verborgenen Quellen zwischen Eis und Dampf.


Dort legten die Frauen ihre dicken Felle und ihre Sorgen ab. Im heißen Wasser waren sie keine Mütter, keine Töchter und keine Dienerinnen mehr. Sie waren nur noch Leben. Sie fanden zurück zu ihrem eigenen Rhythmus, jenseits der starren Zeit.


Noch heute sagen die Menschen in den Tälern: Wenn der Dampf über den Gipfeln steht und die Nordlichter den Himmel berühren, dann atmet die Erde ihr altes Lied.
Und wer mutig genug ist, das Eis zu durchqueren, die Kälte zu überwinden und seine Hüllen fallen zu lassen, der wird in den heißen Quellen die Stille finden – und im Wind den ewigen Gesang der Bärin hören.